Warum wir auch eine emotionale 1. Hilfe brauchen

 

Jeder von uns erlebt Rückschläge, Verletzungen, Trennungen oder hat einfach einen schlechten Tag. Wir haben alle Ängste und stellen uns manchmal die Sinnfrage.

Häufig tun wir das in unserem stillen Kämmerlein, weil wir Angst haben, dass andere uns verurteilen oder „keinen Bock auf unser Schlecht-drauf- sein“ haben. So zeigen wir der Welt unser lächelndes Gesicht, unsere Fassade und spielen das Spiel mit.

Leider ist es so, dass wir uns selbst verlieren, je mehr wir uns verstecken oder so tun „als ob“. Im Grunde gewinnt niemand, wenn wir uns nicht trauen, anderen zu zeigen, wie es uns geht. Echte und tragende Verbindungen können nur entstehen, wenn wir uns zeigen. Und kein Mensch besteht nur aus Sonnenseiten…

Wir sehen die Spitze des Eisbergs in den Vereinigten Staaten, wo die Standardbegrüßung ist „how are you“. Ich erinnere mich, als ich mit 23 das erste Mal in den USA war und erstaunt war, dass die Kassiererin wissen wollte, wie es mir geht. In aller jugendlichen Naivität fing ich an darüber nachzudenken, wie ich mich fühlte, um dann eine ehrliche Antwort zu geben…

Nun, ich habe dazu gelernt, aber bis heute irritiert mich diese Form der Begrüßung, weil sie etwas Wichtiges fragt und doch keine Antwort will. Die Standardantwort ist „fine“ oder „great“. Ich überlege immer wieder, ob dieses beständige „Lügen“ eine Auswirkung auf die Psyche hat und ob es einen Zusammenhang dazu geben könnte, dass in den USA die Einnahme von Antidepressiva inzwischen eher der Standard als die Ausnahme ist.

Wir leben immer mehr in einer Spaltung von innerer und äußerer Welt und dies führt zu Entfremdung und Unzufriedenheit.

Wie wäre es also, wenn wir lernen würden anders mit unserem Befinden umzugehen? Sowohl mit uns selbst, als auch bei anderen Menschen. Wie wäre es, wenn wir uns ernster nehmen würden und uns selbst (und anderen) mehr Aufmerksamkeit geben würden für unseren seelischen Zustand?

Wir pflegen unseren Körper, aber haben oft kaum Handwerkszeug für die Pflege und dem Verständnis unserer Psyche. Wie wäre es, wenn wir unserer Psyche jeden Tag die gleiche Aufmerksamkeit zukommen lassen würden wie unserer sonstigen Pflege? Oder unserem beruflichen Fortkommen?

Unsere Welt, aber auch die Welt in der wir leben, würde sich radikal ändern.


Was ist wichtig für eine emotionale 1. Hilfe?

 

Der wichtigste Inhaltsstoff ist: zuhören

Mit zuhören meine ich jemandem oder auch sich selbst, ungeteilte Aufmerksamkeit geben. Keine anderen Gespräche, keine sms. Einfach wirklich mit voller Aufmerksamkeit und Präsenz für jemanden da sein.

Keine Ratschläge und Lösungen

Hör einfach zu und zeige, dass du dein Gegenüber verstehst. Habe Mitgefühl (kein Mitleid) und zeige es. Behalte alle Lösungsideen und Ratschläge für dich, auch wenn sie vielleicht super sind. Äußere diese erst, wenn du danach gefragt wirst. Manchmal geht es einfach darum erzählen zu dürfen und nicht darum, sofort eine Lösung zu finden.

Nimm das, was du hörst ernst

Versuche das, was du fühlst oder was dein Gegenüber erzählt und fühlt nicht zu relativieren oder mit Gegenbeispielen aus deinem Leben zu „übertrumpfen“. Nimm ernst, dass dein Gegenüber unter dem leidet, was er/sie erzählt. Sie will jetzt nicht hören, dass du etwas ähnliches oder schlimmeres erlebt hast. Jetzt geht es nur um dein Gegenüber und nicht um dich.

Zeit

Atme selbst einmal durch und nimm dir einen Moment Zeit für dich selbst oder dein Gegenüber. Lass alles andere, was noch ansteht einen Moment los. Wir denken oft, dass wir dann Stunden Zeit haben müssen, aber oft reichen 10 min echter Aufmerksamkeit, um schon wirklich etwas zu bewirken.

Beherzigst du diese Vorschläge für den Umgang mit emotionalen Themen oder Problemen wirst du merken, dass deine Beziehungen und Kontakte sich verbessern und inniger werden. Lernst du auch mit dir selbst so umzugehen, wirst du merken, dass sich auch im Kontakt mit dir etwas verändert. Du wirst schneller merken, dass dir etwas nicht gut tut oder zu viel wird.

Vielleicht merkst du sogar, dass es dir ab und an gut tut einfach mal nichts zu tun und nur in den Himmel zu schauen und dir Raum zu geben, die ganzen Eindrücke in deinem Leben zu verdauen.